Montag, 11. Juli 2011
Schrödingers Vergewaltiger
In letzter Zeit scheint eine heftige Diskussion im Gange zu sein, die durch einen Eintrag in Rebecca Watsons Video-Blog ausgelößt wurde. Sie erzählt, dass sie auf einer Atheismus-Konferenz in Dublin war, wo sie bei einer Veranstaltung darüber geredet hatte, dass es Sexismus in der Gemeinschaft gibt, was einige Frauen abschreckt. Um 4 Uhr nachts verließ sie die Konferenz um auf ihr Hotelzimmer zu gehen, weil sie müde war. Sie benutzte den Fahrstuhl um zu ihrem Zimmer zu kommen. Ein Mann folgte ihr in den Fahrstuhl und sagte, er fände sie interessant, und fragte, ob sie nicht noch mit zu ihm kommen wolle, um einen Kaffee zu trinken.
Nun wird diskutiert, ob das wirklich etwas mit Sexismus zu tun hatte, ob eine Frau sich in dieser Situation bedroht fühlen kann oder ob das nicht eher hysterisch und total übertrieben ist.
Ich hätte mich in so einer Situation ganz sicher sehr unwohl gefühlt.
Heute war ich abends noch alleine unterwegs um Getränke zu kaufen. Auf dem Rückweg hat ein fremder Mann von der anderen Straßenseite auffällig zu mir herübergeguckt und "Hallo" gerufen. Ich bin extra einen Umweg gelaufen, um ihm aus dem Weg zu gehen. Vielleicht hätte er gar nichts weiter gemacht und hatte nichts weiter im Sinn als mir einen schönen Abend zu wünschen. Aber darauf kann ich mich nicht verlassen. Ich habe in ähnlichen Situationen schon zu oft schlechte Erfahrungen gemacht und wurde zu oft massiv sexuell belästigt, um noch darauf vertrauen zu können, dass mir in solchen Situationen nichts weiter passiert. Aber ich hatte wenigstens die Möglichkeit, dem aus den Weg zu gehen, wäre so etwas aber in einem engen Fahrstuhl passiert, in dem ich keine Möglichkeit hätte, der Situation zu entfliehen, dann hätte ich wirklich Angst bekommen. Nicht weil ich hysterisch bin, sondern aufgrund meiner Erfahrungen mit solchen Situationen.
In einem Forum, in dem ich angemeldet bin und in dem fast ausschließlich Frauen schreiben, läuft gerade eine Umfrage, wie viele von ihnen schon von Exhibitionisten belästigt wurden, also von Männern, die ungefragt ihr Geschlechtsteil vor ihnen ausgepackt haben. Fast die Hälfte alle Frauen, die darauf bisher geantwortet haben, haben das schon ein oder mehrmals erlebt. Ich übrigens auch. Und das ist ja nur eine Form der Belästigung, die Bandbreite geht da noch viel weiter. Ich denke, fast jede Frau wurde schon sexuell belästigt. Mir sind alle möglichen Formen der sexuellen Belästigung schon sehr häufig untergekommen und das im übrigen unabhängig davon, ob ich gerade sexy oder unauffällig gekleidet war (und ich habe es auch schon erlebt, dass mir dann hinterher dafür Vorwürfe gemacht wurden, dass ich Opfer sexueller Belästigung geworden bin, weswegen ich mich auch sehr gut mit der Idee des SlutWalks identifizieren kann). Eine Frau fühlt sich in der von Rebecca beschriebenen Situation völlig zu Recht bedroht. Natürlich kann der Mann beteuern, dass er ja gar nichts weiter im Sinn hatte und möglich, dass das stimmt, aber das kann eine Frau, die ihn nicht näher kennt, und die er in so einer Situation auf diese Art anspricht, nicht einschätzen und meine persönliche Erfahrung lehrt mich, dass solche Situationen gefährlich sein können.
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Wenn Du Dich oft unsicher fühlst, rate ich Dir zu einem feministischen Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurs. Männer merken es, wenn Frauen unsicher sind und Männer merken es auch, wenn Frauen ihre geplante Route ändern und einen Umweg laufen, genauso wie Männer merken, wenn sie eine Frau ansprechen, die sich nicht unterhalten will, aber sich nicht traut das zu sagen.
AntwortenLöschenIch selbst wurde früher auch sehr oft belästigt, egal wie ich aussah, wobei ich damals immer sehr maskulin gekleidet war, kaum geschminkt und kurze Haare. Je selbstbewusster ich wurde, je weniger wurde ich belästigt, egal wie ich aussah, selbst mit langen Haaren und Minirock nicht. Das liegt an der Ausstrahlung, die frau hat. Früher wurde ich oft mitten auf der Straße mit "Hallo Schatzi" angesprochen, mir wurde auch schon in öffentlichen Verkehrsmitteln Geld für Sex oder Händchenhalten angeboten. So was passiert mir glücklicherweise nicht mehr. Leider kann ich hier nicht ersehen, in welcher Gegend Du wohnst. Im Raum Frankfurt kann ich Dir folgende zwei Vereine empfehlen.
http://www.fib-ev.com/web/index.html
http://www.wendo.de/
Dort können Dir auch Ansprechpartnerinnen in Deiner Stadt genannt werden.
Den feministischen Ansatz finde ich sehr wichtig,auch dass die Kurse von Frauen gegeben werden und nicht Männern die Kompetenz für Frauenfragen zugesprochen wird. Ebenso wichtig ist, vom psychologischen Aspekt her, dass Frauen nicht mit stark gepolsterten Männern kämpfen und so Männer als unbesiegbar erleben. Der Hauptaspekt liegt aber ganz klar auf den Selbstbehauptungstechniken, um gar nicht erst in gefährliche Situationen zu geraten. Vor einiger Zeit erlebte ich in der Bahn ein Szenario, in dem eine Frau einen Bekannten traf, der ihr Anbot noch mit ihr nach Hause zu gehen. Aufgrund seines Verhaltens war völlig offensichtlich, was er wollte. Die Frau wollte nicht, dass er mit kommt, sagte jedoch immer nur sie sei müde, was der Mann wegwischte, in dem er sagte, er wolle nur kurz bleiben. Die Frau hätte einfach klipp und klar sagen sollen, dass sie nicht will. Basta. Ich sprach den Mann dann an und wies ihn darauf hin, dass die Frau jetzt fünfmal gesagt hat, dass sie nicht will. Der Mann rechtfertigte sich dann, dass er nur "als Freund" mitgehen wolle und auch nicht lange zu bleiben vorhabe. Ich sagte ihm, wenn er ein Freund sein wolle, dass er dann das Nein akzeptieren soll. Da ich irgendwann ausstieg, weiß ich nicht, wie es ausging. Es war offensichtlich, dass die Frau nicht wollte, dass der Mann mitkommt, da seine Absicht ebenso offensichtlich war, was ihn aber nicht interessierte. Da die Frau wohl nicht Nein sagen kann, hat er sich wohl Hoffnungen gemacht, sie durch bequatschen zu was auch immer bewegen zu können.
Eigentlich glaube ich nicht, dass solche Selbstverteidigungskurse einem wirklich etwas bringen, wenn es darauf ankommt. Ich habe ähnliches schon gemacht und kann mich auch gut behaupten.
AntwortenLöschenDarum ging es mir aber eigentlich gar nicht. Es geht darum, dass man als Frau immer dieser Gefahr ausgesetzt ist, in diese unangenehmen Situationen zu kommen.
Ein Beispiel, aus meinen Erlebnissen: Ich sitze in einer S-Bahn, allein. Eine Gruppe von 5 jungen Männern steigt ein und setzt sich um mich rum. Sie machen mich an, anzügliche Bemerkungen und alles, der Typ, der direkt neben mir sitzt, packt seinen Penis aus. Ich bin ganz sicher, kein Selbstverteidigungskurs der Welt hätte mir irgendwie dabei geholfen, mich gegen diese Gruppe zu verteidigen, ich hatte schlicht Glück, dass sie mich nicht weiter aufgehalten oder verfolgt haben, als ich den Wagon gewechselt habe. Solche Situationen kommen so oft vor und ich finde es falsch, den Frauen zu sagen, wie sie sich zu verhalten haben (Kleidung, selbstsicheres Auftreten, was auch immer), um sowas zu vermeiden, man muss nicht beim Opfer sondern beim Täter ansetzen, um gegen sowas anzukommen.
Auch in deinem Beispiel, sollte man meiner Meinung nach nicht die Frau anhalten, sich klarer und selbstbewusster auszudrücken, der Typ hat garantiert auch so verstanden, was sie wollte. Man muss bei den Tätern ansetzen und so ein Verhalten darf gesellschaftlich nicht geduldet werden, sie müssen angehalten werden, den Willen der Frau zu respektieren.
Vielleicht habe ich mich auch nicht so ganz klar ausgedrückt. Der Schwerpunkt dieser Kurse liegt auf der Selbstbehauptung. Männer suchen Opfer, keine (ebenbürtigen Gegnerinnen). Ich denke, ohne dir zu nahe treten zu wollen und ohne der Situation beigewohnt zu haben, dass es einen Grund hatte, dass die Typen sich Dich ausgesucht haben.
AntwortenLöschenEs geht mir auch keineswegs darum den Frauen die Schuld zu geben, ich sage nur, dass bestimmte Frauen häufig in bestimmte Situationen geradten, bzw. ziehen bestimmte Typen an. Wie diese Frauen, die immer wieder an Männer geraten, die sie schlagen. Sie ziehen diese Typen an. Das entschuldigt oder rechtfertigt keineswegs das Verhalten des Mannes und ich gebe der Frau auch nicht sie schuld, es hat seine Gründe, warum sie so ist und nicht anders und man muss die Schwäche(n) anderer nicht ausnutzen, nur weil man es kann. Dafür gibt es keine Entschuldigung.
Bei mir hat es viele Jahre gedauert, bis ich diese, ich nenne es mal Opferhaltung, los war. Der Kurs, Psychotherapien. Es liegt an der Haltung, an der Ausstrahlung, wen frau anzieht. Trotz Minirck, hohen Stiefeln und (von der gesellschaftlichen Norm ausgehend) gutem Aussehen, werde ich heute auf der Straße überhaupt nicht mehr belästigt. Zu meinen Punk Zeiten, mit Springerstiefeln, Bundeswehrhosen und Oberteilen, die mir mehrere Nummern zu groß waren, wurde ich häufig belästigt, wie bereits beschrieben wurde mir Geld für Sex und einmal für Händchenhalten angeboten. Ich hatte nichts an mir, was man als weiblich oder lieb und nett hätte bezeichnen können. Es haben sich in der Bahn Typen neben mich gesetzt, neben denen ich nicht sitzen wollten, die mir Gespräche aufgedrängt haben, deren Fragen ich widerwillig beantwortet habe. Heute sage ich, dass ich keine Lust habe, mich zu unterhalten. Heute stehe ich auf und setze mich woanders hin, wenn mir jemand unangenehm ist.
Ich denke auch keineswegs, dass Frauen aufhören sollten Miniröcke zu tragen, wenn sie dies wollen, weil sie nicht dafür verantwortlich sind, wenn Männer ihre Triebe nicht unter Kontrolle haben, wobei es bei sexueller Gewalt in erster Linie um Macht geht, Sex ist Mittel zum Zweck. "Aufreizende" Kleidung wird dann gerne benutzt, um Frauen die Schuld zu geben, nur werden Frauen in Miniröcken nicht häufiger Opfer von Gewalt, wie Frauen, die anders gekleidet sind. Die Kleidung wird nur benutzt, um die Täter von der Verantwortung freizusprechen.
Du hättest in der Situation in der Bahn vielleicht auch aufstehen können,das weiß ich nicht. Es ist auc keineswegs so, dass frau durch aufstehen und weg gehen Schwäche zeigt, im Gegenteil, sie zeigt, dass sie das weibliche Rollenverhalten des Aushaltens, des Passivseins, des sich Fügens nicht mitmacht, was Selbstvertrauen signalisiert.
Das ist nicht einfach und hat bei mir fast zehn Jahre gedauert.
Und nochmal, es geht mir nicht darum Frauen die Schuld zu geben und es ist sicher wichtig und notwendig ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, in dem Gewalt gegen Frauen nicht mehr vorkommt, in dem kein Mensche aufgrund seines Geschlechts oder sexuellen Orientierung Nachteile oder Gewalt zu befürchten hat, aber das ist, zumindest derzeit, nur ein schöner Traum. Mich hat z. B. während des Kurses wütend gemacht, dass ich Geld ausgeben und Zeit opfern muss, damit ich mich gegen Männer wehren kann. Ich muss was machen, nicht die, die verantwortlich sind.
AntwortenLöschenBei mir kommt noch hinzu, dass ich als Kind jahrelang sexueller Gewalt ausgesetzt war. Durch dieses jahrelange Opfersein, Aushalten, Dulden, Schweigen hatte ich die entsprechende Ausstrahlung und immer wieder solche Tätertypen angezogen, auch als ich schon älter war. Die wittern Schwäche wie Raubtiere oder wie Geier den Tod wittern. Diese Erfahrung habe ich auch immer wieder in Therapien gemacht. Wir (also die Überlebenden, wie wir uns nennen, denn wir haben aufgehört Opfer zu sein), haben alle das Problem, dass wir solche Typen magisch anziehen. Das dauert meistens viele Jahre, bis sich was ändert. Sehr viele Frauen, die als Erwachsenen vergewaltigt werden, wurden schon als vergewaltigt. Das geht oft jahrelang so weiter. Man hat nie gelernt nein zu sagen, hat nie gelernt, dass man selbst über seinen Körper bestimmen kann und darf, dass man völlig wertlos ist. So etwas prägt. Die meisten Vergewaltigungen passieren im sozialen Nahbereich, aber auch bei Taten durch Fremde testet der Täter sein potentielles Opfer. Er spricht sie an und wenn er merkt, sie will sich nicht unterhalten, weicht aus, guckt weg oder nach unten, beantwortet aber dennoch schön artig seine Fragen, vielleicht sogar indiskrete Fragen, dann ist das was anderes als wenn eine Frau sagt, ich will mich nicht unterhalten. Lass mich in Ruhe. Punkt. Basta.
Die Forderung den Willen der Frau oder besser den Willen jedes Menschen, egal ob Kind oder Greis zu respektieren ist, ist richtig, aber so lange solches Verhalten gesellschaftlich geduldet wird, die Täter sogar als tolle Hechte dastehen, bleibt Frauen leider nichts anderes übrig als klar und deutlich zu sagen, was sie wollen und was nicht. Es bringt nichts von Tätern zu fordern ihr Verhalten zu ändern. Warum sollten sie das tun? Sie kamen so unendlich lange damit durch. Warum also aufhören?
Leider ist es noch immer so, dass Mädchen häufig zum nett sein erzogen werden, sie sollen lieb sein, gut aussehen. Da hat sich in den letzten Jahren vieles geändert und verbessert, aber wir sind noch lange vom Idealzustand entfernt.
Ich hoffe, du verstehst, was ich meine.
Das ist irgendwie wie die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit. Oder einer Welt ohne Nazis. Eine Welt, in der alle Menschen gleich sind. Das sind schöne Träume, aber die Realität sieht anders aus.
Und so ein Kurs kann ein Anfang zu mehr Selbstbewusstsein sein, Anregung zu vielen interessanten Gesprächen mit feministischen Frauen.
Entschuldige, dass ich mir mit der Antwort so lange Zeit gelassen habe.
AntwortenLöschenIch verstehe auf jeden Fall, was du meinst. Dass von jetzt auf gleich alle Männer aufhören Frauen zu belästigen ist wohl wirklich eine unrealistische Vorstellung und sicher ist es deshalb sinnvoll als Frau zu lernen sich gegen solche Angriffe zu behaupten und selbstbewusst zu sein. Aber irgendwie finde ich, hat das doch immer so einen Beigeschmack von "Selbst Schuld", wenn in diesem Zusammenhang sowas immer wieder gesagt wird.
Ich bin in der Situation ja auch aufgestanden und weggegangen. Ich meine nur, wenn diese Typen entschieden hätten, dass sie mich halt nicht so einfach gehen lassen wollen, dann hätte mir alles Selbstbewusstsein der Welt nichts geholfen.
Heutzutage wird ja schon immer öfter auch Kindern beigebracht, dass sie das Recht haben "Nein" zu sagen, auch zB wenn Verwandte "Küsschen" und sowas einfordern. Das setzt ja auch beim Selbstbewusst sein an und wenn gleichzeitig auch begebracht wird, dass sie sich aber auch selbst nicht über die Bedürfnisse anderer hinwegsetzen dürfen, beides gilt natürlich für Jungs wie für Mädchen, dann ist wahrscheinlich schon viel getan.
@Doreen,
AntwortenLöschenOh mein Gott, 5 Kerle und einer packt sein Ding aus? Ein Wunder das da nichts schlimmeres passiert ist.
Ich habe erst mit 20 Jahren als Kerl gemerkt, in welcher anderen Welt ich lebe. ich kann mich einfach überhaupt nicht annähernd in Frauen reinversetzen was sowas angeht weil ich einfach NIE belästigt werde. Und vielen Männern geht es wohl ähnlich und deswegen werden belästigungen oft als lapidar abgetan - weil sie es eben selbst nicht kennen. Heftige Situation und toll das Du da "einfach so" rausgekommen bist.. widerliche kerle.